Raum der Stille
Das Projekt Raum der Stille ist Teil einer Versuchsreihe, die das Stille Museum in Zusammenarbeit mit Architekten und Geisteswissenschaftlern in Berlin, New York und Moskau plant. Fernziel könnte sein, Städte, Firmen und Privat Personen von der Notwendigkeit solcher Meditationsstätten zu überzeugen und für die Kunst eine neue soziale Aufgabe zu schaffen. Der russische Maler Nikolai Makarov vertritt die These, daß es an der Zeit sei, der bildenden Kunst eine ihrer ältesten Aufgaben zurückzugeben: den Betrachter zur Kontemplation einzuladen und mit dem geistigen Teil seiner selbst in Kontakt zubringen. Es sind stille Räume mit einer Aufladung, ähnlich einer Batterie, die zuerst zu einer ausgeprägten Kommunikation mit Dir selbst führen kann. Hier besitzen sie die Funktion einer zeitgenössischen konfessionslosen Kapelle, eines Schreines. Das weiterführende ist, das diese, Regeneration Spaces, eine geschlossene Atmosphäre ausstrahlen, die in allen Details erlebbar ist. Die Gesamtstimmung ergibt sich aus der eingesetzten Architektur, den verwandten haptisch erlebbaren Materialien, wie Fußboden und Wänden, dem Licht, dem Klang und den eingefügten Möbeln und Kunstwerken. Daraus ergibt sich die Möglichkeit der verschiedenartigen Nutzung. Ausgangspunkt der Beschäftigung mit dem Silence Spaces waren die positiven Erfahrungen mit dem Stillen Museum in Berlin, der Erlebbarkeit und Wirkung dieser Räume der Stille auf Besucher. Dieses Konzept soll jetzt ausgebaut, transportabel und flexibel werden. Es wird damit den Bedürfnissen eines digitalen Zeitalters, der Urbanität und Flexibilität angepaßt. In diesem Zusammenhang spielt die Architektur der Module eine besondere Rolle. Sie steht in direktem Zusammenhang zu der Funktion der eingefügten Kunst, ihrer Potenz der Konzentration, des nicht vordergründig Nützlichen, im Falle der Bilder Nikolai Makarovs auch des Geheimnisses der Dunkelheit, des Mysteriums eines besonderen Raumes, eines Schreines der Erinnerung.


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Die verwandte Modul-Architektur soll zum einen die Räume in einer vorhandenen, zweckgebundenen Architektur herausheben und von dieser trennen, sie somit als einzelnen, sehr spezifischen Raum innerhalb des Ganzen erlebbar und erfahrbar machen, zum anderen liefert die Architektur die notwendige äußere Hülle und die zu sehende äußere Form der Räume. Innen schafft sie den Raum, ist das wesentliche, tragende stoffliche Element. Sie ist die Hülle der Stille und der Dunkelheit, aber wiederum nur ein Element des ganzen. Erst durch die eingefügte Kunst, das Licht und die gesamte Gestaltung ergibt sich das komplexe Werk.
So hat jedes Teil seinen Platz im Gesamtwerk. Das eine funktioniert nicht ohne das andere. Diese Räume der Stille und der Dunkelheit stehen im Kontrast zu alltäglichen Erfahrungsmustern, sie vermitteln verlorene Erfahrungen neu.
Natürlich ist die Darstellung der Stille und der Dunkelheit zuerst ein privater, künstlerischer Akt. Kreation entsteht aus der Dunkelheit.
Sozusagen als Dienstleister setzen wir dann die Gestalteten Module als Möglichkeiten, als Angebote zur öffentlichen Nutzung aus. Sie sollten wirken wie exterritoriale Räume. In der Umkehrung zum Lichtwerden könnte man sagen, es geht um das Dunkelwerden, das Heraufkommen einer großen Stille. Die Möglichkeit und Bedeutung liegt in der komplexen sinnlichen Wahrnehmung dieser Umkehrung. Denn, verfügen wir denn noch über Kriterien einer solchen Orientierung in einer Welt die gekennzeichnet ist durch die omnipotente, ausgeleuchtete Präsenz der Medien, der verdichteten Zeichensysteme, die den urbanen Alltag bestimmen. Oder leben wir nicht orientierungslos in einer Endlosschleife von Referenzsystemen, die auf nichts mehr als sich selbst verweisen? Unsere Räume können etwas zurückgeben von den Grenzerfahrungen der Stille und der Dunkelheit, sie speichern Träume und Halluzinationen die im einzelnen suggeriert werden.
Durch diese Beruhigung und Verlangsamung der Wahrnehmungsprozesse, verweisen wir auf eben diese Wahrnehmung selbst als ein menschliches Vermögen und Bedürfnis, als die Voraussetzung jeder Erfahrung und Erkenntnis. Hierin liegt die Potenz des Systems der Räume der Stille. Sie dienen der verdrängten Erinnerung, einer Wiederaufladung der Persönlichkeit mit dem Verlorenen, sie können Voraussetzung sein für Imagination und eine Neuorientierung des Handelns.


Peter Lang, Kurator, Berlin


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